Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt: IT, Finanzen und Recht sind die am stärksten betroffenen Sektoren
- Jose Cruset
- vor 22 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Eine aktuelle Studie von Anthropic stellt eine neue Methode vor, um die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt zu messen. Anstatt nur zu betrachten, was große Sprachmodelle (LLMs) theoretisch leisten können, haben die Forscher eine Metrik namens „Beobachtete Exposition“ (Observed Exposure) entwickelt. Diese kombiniert theoretische Fähigkeiten mit tatsächlichen, realen Nutzungsdaten ihres KI-Assistenten Claude.

Wie wird die „Beobachtete Exposition“ gemessen?
Um über bloße Vorhersagen dessen hinauszugehen, was KI tun könnte, entwickelten die Forscher diese Metrik, indem sie die O*NET-Datenbank für Berufsaufgaben, bestehende theoretische Schätzungen der KI-Fähigkeiten und reale Nutzungsdaten aus dem Anthropic Economic Index kombinierten. Ein Beruf erzielt eine höhere Punktzahl, wenn seine Kernaufgaben tatsächlich von Claude in professionellen, arbeitsbezogenen Kontexten ausgeführt werden. Die Berechnung gewichtet, wie die KI eingesetzt wird – vollständig automatisierte Arbeitsabläufe erhalten das volle Gewicht, während augmentative (unterstützende) Nutzungen, bei denen die KI der Arbeitskraft lediglich hilft, mit halbem Gewicht in die Wertung eingehen. Anschließend wird der Wert basierend auf dem Anteil der Zeit, den ein Arbeitnehmer typischerweise mit diesen spezifischen Aufgaben verbringt, gemittelt.
Hier ist eine kurze Zusammenfassung der ersten Erkenntnisse darüber, wie KI den Arbeitsmarkt tatsächlich umgestaltet:
Welche Sektoren und Arbeitnehmer sind am stärksten betroffen?
Wie das obige Netzdiagramm zeigt, ist die Lücke zwischen dem, was KI tun kann (blau), und dem, wofür sie tatsächlich genutzt wird (rot), noch immer groß. Die Akzeptanz und Nutzung konzentrieren sich jedoch stark auf wissensbasierte Sektoren.
Top-Sektoren: Informatik & Mathematik (IT), Wirtschaft & Finanzen, Management, Recht sowie Büro & Verwaltung weisen die höchsten Werte sowohl bei den theoretischen Fähigkeiten (>90% der Tasks können durch die KI ersetzt werden) als auch bei der realen KI-Nutzung auf.
Top-Berufe: Computerprogrammierer, Kundendienstmitarbeiter, Datenerfasser und Finanzanalysten sind derzeit die am stärksten exponierten spezifischen Rollen.
Demografie der Arbeitnehmer: Die Arbeitnehmer im obersten Viertel der KI-Exposition entsprechen nicht dem traditionellen Profil gefährdeter Arbeitnehmer. Sie sind deutlich wahrscheinlicher älter, weiblich, besser bezahlt und hochgebildet (sie haben mit fast viermal so hoher Wahrscheinlichkeit einen postgradualen Hochschulabschluss im Vergleich zu nicht exponierten Arbeitnehmern).
Führt KI derzeit zu Arbeitslosigkeit?
Die kurze Antwort lautet: Derzeit noch nicht, aber..... Durch die Auswertung von Daten der Current Population Survey (einer aktuellen US-Bevölkerungsumfrage) seit Ende 2022 stellten die Forscher keinen systematischen Anstieg der Arbeitslosigkeit bei stark exponierten Arbeitnehmern fest.
Allerdings scheint die KI die Pipeline für neue Talente subtil zu verändern. Während bestehende Arbeitnehmer ihre Jobs nicht verlieren, gibt es erste Hinweise darauf, dass sich Neueinstellungen von jungen Arbeitnehmern (22–25 Jahre) verlangsamt haben. Die Zahl der neuen Arbeitsverhältnisse für junge Erwachsene in stark exponierten Berufen sank nach der Einführung von ChatGPT um etwa 14 % im Vergleich zum Jahr 2022. Darüber hinaus prognostiziert das Bureau of Labor Statistics (die US-Behörde für Arbeitsmarktstatistik) bis 2034 ein schwächeres Stellenwachstum für Berufe, die heute die höchste KI-Nutzung verzeichnen.
Fazit und Ausblick
KI arbeitet derzeit noch immer nur mit einem Bruchteil ihrer theoretischen Kapazität. Bislang wirkt sich dies auf den Arbeitsmarkt eher wie eine stille Umstrukturierung aus, bei der vor allem die Neueinstellungen von Berufsanfängern sinken. Ein Blick in die Zukunft lässt jedoch eine deutlich pessimistischere Prognose zu: Sobald die reale KI-Nutzung (der rote Bereich im Diagramm) weiter wächst und ihr maximales theoretisches Potenzial erreicht, muss davon ausgegangen werden, dass die Anzahl der benötigten Arbeitskräfte in den stark exponierten Sektoren massiv zurückgehen wird. Wenn KI-Systeme in der Lage sind, Kernaufgaben in IT, Finanzen und Verwaltung vollständig zu automatisieren, dürfte die derzeitige Stabilität bei den Arbeitslosenzahlen nur die Ruhe vor dem Sturm sein, bevor weitreichende Stellenabbauten in diesen traditionell sicheren Wissensberufen zur Realität werden.



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